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Thema: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Hörte gestern bei MDR-Kultur ein Interview mit dem von mir sehr geschätzten Autoren Christoph Hein. Er stellte sein neues Buch "Verwirrnis" vor und plauderte aus dem Nähkästchen. An einer Stelle hakte dieses Geplapper bei mir ein, nämlich genau an der Stelle, an der er behauptete, daß er manche Sätze seine (von ihm selber geschaffenen) Figuren nicht sagen lassen könne, da die sich weigerten, diese Sätze zu sagen. Seine Figuren besäßen Rechte!

    Das ist mal ein Standpunkt, über den ich gern diskutieren möchte.

    Haben Figuren Rechte?

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Ich finde, dass das Quatsch ist. Dann dürfte man seine Figuren nicht mehr umbringen oder verstümmeln. Natürlich gibt es Sätze, auf die der Autor verzichten sollte, weil sie nicht zur Figur passen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Gibt es schon einen Roman in dem die dargestellten Figuren gegen den Schriftsteller rebellieren?

  3. #3
    Ist durch nichts wegzugraulen Avatar von anderedimension
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Der Autor redet von "selbst geschaffenen Figuren"...da stellt sich die Frage gar nicht...denn er selbst ist jede einzelne Figur - er muss also die Worte und Wörter...die sich sich seiner Meinung verbieten ausgesprochen zu werden...den Figuren erst mal (gedanklich) in den Mund legen...damit sie sich verbieten lassen können. Der Autor handelt sozusagen mit sich selbst die Dialoge aus. Etwas anders ist das bei historischen Figuren, da kann ich...je nachdem welche Rechte ich besitze bzw. aushandelte...mich nicht per se hinter der künstlerischen Freiheit verstecken.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Ich verstehe es so, als ob der Autor sich sowas wie eine imaginäre Familie schafft, jede Figur mit Individualität. Und wenn er jeder Figur diese Individualität zuspricht, dann haben die ja auch unabhängiges Verhalten und Reaktionen und können zustimmen und verneinen. Eben wie im echten Leben.
    Die eigentliche Frage dazu wäre, welche Beziehung ein Autor zu seinen Figuren hat/haben kann. Ob er sie benutzt, um sich selbst auszudrücken oder ob er auch von und durch sie lernt, usw.
    Die einfache Antwort wäre: Rechte hat derjenige, der sie sich nimmt und/oder dem sie zugestanden werden.
    Zurück zur Liebe und Natur

  5. #5
    Ist durch nichts wegzugraulen Avatar von anderedimension
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Ich glaube nicht, dass ein Autor von seinen Figuren lernen kann. Alle Eigenschaften...mit denen er seine Figuren ausstattet...wohnen ihm inne. Selbst wenn er sich diese Eigenschaften von den Figuren anderer Autoren abschaut...hat es seinen Grund...warum er dort hin...und woanders wegschaut. Wir reden vom Erzähler, von Protagonisten...vom Lyrischen Ich...um die Autoren nicht unter einen bestimmten Verdacht zu stellen - es ist eine Form der Höflichkeit. Aber in jeder Geschichte steckt der Autor mit drin.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    na ja, doch, er kann schon etwas lernen - und damit meine ich keinesfalls Anamnese, also die Wiedererinnerung in den Figuren, was man selber verdrängte und nun in den Figuren ausspielen kann. ist es nicht genau das, was Schriftstellerei ausmacht, dieses Versenken in eine Figur, die zum gedanklichen Gegenüber wird, in der man all das durchspielen kann, was man eben möchte oder für den Fortgang der Geschichte braucht? Und eben dies ist doch der Augenblick, in der die Figur "Rechte" erhält, die sie benötigt, um bestehen zu können. Sie wird zu einer Monstranz einer Idee.

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Gibt es schon einen Roman in dem die dargestellten Figuren gegen den Schriftsteller rebellieren?
    Ich glaube ein Schriftsteller, der sich mit den Rechten seiner Figuren beschäftigt, würde eben nichts tun, damit sie rebellieren. Die, die nicht rebellieren, hatten von Anfang an nichts Eigenes zu sagen oder man hat ihre Rechte ernst genommen.
    Es scheint ganz verschiedene Arten zu geben, "Figuren zu erschaffen".

  8. #8
    Klaus Norbert.
    Status: ungeklärt

    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Jede Figur ist ihr eigenes Glied.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"

    Der im 20. Jahrhundert sehr erfolgreiche englische Schriftsteller Somerset Maugham schrieb im Vorwort seines Romans "Seine erste Frau" (1930) über die Entstehung seiner Figuren. Diese besäßen ein Eigenleben. Mich erinnert dieser Gedanke an den in diesem Ordner beschriebenen.
    erstellt von Somerset Maugham:
    [..] sobald der Schriftsteller diese Gestalt einmal schriftlich fixiert hat, gehört sie ihm nicht mehr an. Er vergißt sie. Es ist seltsam, wie eine Gestalt, die vielleicht durch Jahre hindurch unsere Träume beschäftigte, ganz und gar zu existieren aufhört.
    Das ist nicht das gleiche wie bei Hein, aber es ist etwas Ähnliches.
    Ich widerspreche beiden auf der Grundlage eigener Schreiberfahrungen. Weder gebe ich meinen Figuren Rechte noch beende ich die innere Bindung an sie. Jede der von mir geschaffenen Figuren ist ein Teil meiner selber, aber nicht in dem Sinne, als daß ich etwas aus mir herausreiße, um es verselbständigt existieren zu lassen, an ihren Faxen mich ergötzend. Nein, ich betrachte sie ernsthaft als Gedanke, als abstractum est. Das erzeugt keine Rechte. Welche sollten das sein. Gedanken zu äußeren, die ich selber nicht besitze? Irrsinn. Mein Denken auf die Probe zu stellen, was ja nur geschehen könnte, wenn ich ihnen Freiraum zubilligte? Wie soll das gehen, dann müßte ich ja nicht den Teil aus mir herausreißen, sondern mich aufspalten. Ich bin es, mit dem ich rede, wenn ich sie reden lasse, ich begebe mich in eien Position, die ich selber bin.
    Das ist etwas anderes als das Aufspalten eines Ichs in mehrere. Sie haben keine Rechte, meine Figuren, weil sie in dem Augenblick all die Rechte besitzen, die ich selber besitze - bei aller fehlenden Imputabilität des Schreibers.

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