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Thema: Christina Müller: Ostwind

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Arrow Christina Müller: Ostwind

    Der Erstling meiner Lektorenlaufbahn! Leider formal mißlungen. Aber ein Anfang.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Christina Müller: Ostwind. Roman. ISBN 3-931069-08-7. 11 x 18 cm, 308 Seiten. Graphiken von Verena Kyselka. 34,80 Mark.

    Da liegen fünf Punkte zwischen Verb und Restsatz. Abschreckend. Dafür fehlt das Verb im letzten Absatz des Exposees dann ganz. Absicht? Und welche?


    Das Gegenstück von Caroline verkörpernd, kommentiert er, von Zeit zu Zeit aus seinem Schattendasein auftauchend, das Geschehen aus der Sicht des Ewig-Wissenden.

    Die Perestroika hat dem Rahmen der Geschichte zu ihrem konfusen Anfang verholfen. Das sowjetische Alltagsleben ist mehr und mehr verschieden von dem in der DDR. Aber was für ein neuer Wind ist es, der zu wehen beginnt?
    Bessmertny hat natürlich die Antworten, aber Carolines Zweifel - als Teil des typischen Zwiespalts zwischen dem Theoretischen des Marxismus und dessen Verwirklichung in der Realität, wie sie jeder DDR-Bürger mit sich herumtrug - wachsen weiter.


    Hä?? Vom unverständlichen Inhalt mal abgesehen - ist mehr und mehr verschieden? Und warum steht das "wachsen" wieder derart vom Subjekt getrennt?


    Für eine Werbung kürzen und verständlich machen. Ob es jetzt den genauen Inhalt zusammenfasst oder nicht, ist eher nebensächlich.


    Technisches: ich habe ja vielleicht einen kleinen Monitor. Aber so ungewöhnlich ist das nicht. Ich scrolle - wie auf Eurer HP immer noch von rechts nach links UND von oben nach unten. Nervt extrem.


    it

  3. #3
    rodbertus
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Wird verändert. Danke, it.


    Als Dankeschön ein Freiexemplar. Wenn Du es willst.


    P.S. Bildschirmformate sind immer schwierig, aber mit Frames arbeitet es sich nicht schön. Die haben auch ihre Mucken.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Du hier?"
    "Warum denn nicht?" entgegnet Petra. "Ist doch nicht gefährlich. Irgendwann muß man doch mal anfangen mit der Perestroika. Ich bin mit meinem Freund hier." Sie lächelt und weist auf die Menge. "Hast du schon Kerstin und Anne gesehen? Sie sind auch hier."


    Hallo Robert, das war mir in dem Werbetext-Ordner aufgefallen - ich hatte es damals nicht moniert, weil ich dachte, das Ding sei eh gedruckt und Bemerkungen somit hinfällig.
    Mal davon abgesehen, daß ein dreifaches: Du hier - bin hier - sind hier sprachlich ungeschickt ist (wenn es um die Mitläufer - wir sind auch dabei! Nummer geht, muß das thematisiert werden) verpasst die Autorin hier einen wichtigen Punkt, um Authentizität als Zeitzeugin zu punkten.
    (übertragen auf den Westen würde das bedeuten:
    Kerstin und Anne sind hinten beim schwarzen Block."
    "Kerstin beim schwarzen Block? Was hat die denn mit der Antifa zu tun? Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, hatte sie noch ne Friedenstaube an der Jacke, richtig schön peinlich mit lila und allem drum und dran."
    "Ich weiß nich. Sie hat nen neuen Freund.."
    so in etwa. Nur etwas schöner formuliert..)


    Gruß, it

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    den letzten wenderoman legten wohl fast alle leser nach 250 seiten gelangweilt zur seite.
    ich meine, die thematik sollte von leuten beschrieben werden, die von anfang an dabei waren; und ich meine damit, seit anfing, alles zusammenkrachen, und das waren die fruehen 80er. dass es nun ausgerechnet eine russo- und anglophile paedagogikstudentin ist, (lehrer galten im allgenmeinen als staatstragend) macht es vielleicht sogar interessant, das buch zu lesen. da ich den guten robert seit ca. 35 jahren kenne, denke ich schon, dass er weiss, was er dem lesern zumuten kann und was nicht.
    mir persoenlich tat es leid, dass die "revolution" friedlich war.
    was die praesentation angeht, ist es heutzutage fast wichtiger, ein gut aussehendes als ein inhaltlich gutes buch anzubieten. viel glueck jedenfalls.
    ich bestell eins.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    it, vielen Dank für Deine Mühe, die Du Dir offensichtlich machtest.
    Beim Lektorieren verfolgen wir bestimmte Grundsätze. Einer dieser Grundsätze besagt, daß die wörtliche Rede nicht lektoriert wird - Orthographie bleibt bei dieser Regel außen vor -, weil wir glauben, daß die Authentizität darunter leiden würde.
    Ich ziehe den Beispiel-Dialog, den Du hier zurecht als notwendigerweise permutabel anstreichst, dennoch gekünstelten und konstruierten Gesprächswiedergaben vor, die auf den schnellen Effekt aus sind. Ich denke auch, daß die psychologische Situation, in der sich die beiden Frauen befinden - Wiedersehen unter neuen Umständen; einstige Feindschaft... - ausreichend ein stockendes Gespräch für den Leser begründet. Eine der gewöhnlicherweise benutzten Techniken ist in solchen Situationen das Wiederaufnehmen von Wörtern des Dialogpartners. Kennst Du das nicht?


    Ja ja, Textausschnitte haben immer etwas Verwirrendes und Unzureichendes.


    Bruderherz. Ich freue mich, daß Du mal etwas im Forum schreibst.
    Von wessen Roman redest Du? Grass?
    Leider Gottes sieht unser Buch gut aus, finde ich. Also können wir nur hoffen, daß es inhaltlich schlecht ist, damit wir den Gepflogenheiten des Marktes nicht allzu sehr widersprechen.

  7. #7
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    war mal eben auf der homepage gucken...
    habe auch einen textauszug überflogen, kann mich aber dazu noch nicht äußern, da jede Kritik eines solchen Ausschnitts m. E. oberflächlich und voreilig in Unkenntnis des gesamten Romans ausfallen müsste...
    Allerdings ist mir ein Satz in der Vorankündigung aufgefallen: "Beide zeugen einen Sohn; gleichzeitig mit der neuen Gesellschaft wird ein neues Leben gezeugt." Das klingt mir dann doch recht pathetisch, oder meint Ihr das ernst? Doch wohl nicht so, oder? Denn sonst würde ich den Roman eher als Satire kaufen und wäre danach vielleicht enttäuscht...

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Guter Einwand, Uis. Deinen Worten entnehme ich, daß Du kein DDR-Erfahrling bist. Im Westen hat sich nicht sonderlich viel geändert, denke ich. Im Osten hat sich einiges geändert; für manche ist der Westen eine neue Gesellschaft, die sie schon einmal erfahren hatten, für viele eine völlig neue Erfahrung.


    Ironisch meinen wir das nicht. Das sind so Überzüge aus der literarischen Vergangenheit, die sich als Prototyp ins Heute schleichen. Eine einem russischen Roman entsprungene Teufelsfigur zeugt mit der Allegorie des Aufbruchs einen Sohn: Was, bitte schön, kann das geben? Jedenfalls etwas Neues. Auch Mephistopheles ist der Erneuerer. Das solltest Du beim Lesen immer vor Augen halten.


    Daß die neue Gesellschaft so recht nicht entsteht, ist eine andere Geschichte, nicht aber Christina vorzuwerfen.


    Danke übrigens für Deinen Beitrag. Gefällt mir, wie Du die Dinge siehst. - Konstruktiv gefragt: Was schlägst Du vor, anders vorzustellen?

  9. #9
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Lieber Robert,
    ich wollte nicht besserwisserisch wirken, in der Tat, das hast Du erkannt und dabei sehr gut das formuliert, was wirklich in dem Roman zu stecken scheint: Allegorie des Aufbruchs! Das hat was! Das solltet Ihr verwenden, wie auch immer. Diese Phrase ist die Synthese schlechthin, enthält sie doch Altes und impliziert Neues. Im Rahmen eines Klappentextes oder einer Werbeseite hörte es sich wirklich nicht schlecht an. Was meinst Du wohl, wie gern öffentlich-rechtliche Nachplapperer und Möchtegernkritiker so etwas übernehmen würden.


    Schön, wenn Du mir so die Bälle zuspielst...

  10. #10
    rodbertus
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Erich Loest bezeichnete die Schreibung eines Wende-Romans als "Aufgabe der jungen Autoren".
    Viele der alten Schriftsteller kapitulierten vor dem neuen Weltbild, nicht vor dem Stoff. Deshalb müßten die jungen Autoren auf Themen außerhalb ihres persönlichen Umfeldes zugehen. (Volksstimme, 20. Februar 2001, Kultur)


    Ich habe mir erlaubt, den Textausschnitt zu verändern, damit der unbefleckte Leser einen besseren Eindruck vom Gesamttext bekommt.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Dumme Frage eines Laien: Bei amazon.de habe ich entdeckt, daß es bereits ein Buch mit dem Titel Ostwind gibt.
    Könnte das nicht zu Problemen führen?




    [Diese Nachricht wurde von Mark am 27. Februar 2001 editiert.]

  12. #12
    rodbertus
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Ja, Mark, ich hab drüber nachgedacht, hab mit dem Verlag in München telephoniert, auch mit der Verwertungsgesellschaft Wort, hab in einer Urheberrechtskartei rumgeschnüffelt..
    Ergebnis: OSTWIND ist kein geschütztes Wort, ungefähr mit BOCKWURST oder UND vergleichbar.
    Dein Eifer aber ehrt Dich; immerhin hab ich mich bewegt, was ja schon allerhand ist.


    P.S. Unter www.vlb.de findest Du dreizehn Artikel, die OSTWIND im Namen haben. Nun, mit unserem sind es dann vierzehn. Aber sag selbst: ist OSTWIND nicht viel besser als FENSTERSPRÜNGE?

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Rede III - Robert (ca. 20:40 Uhr bis 20:45 Uhr)


    Kommen wir nun etwas genauer zu Christinas Buch. Wir haben es den Wende-Roman genannt. Das ist gleichzeitig zu hoch und zu niedrig gegriffen. Ich könnte mich jetzt lang und breit über einen Romantypus auslassen, was Sie unendlich langweilen würde. Mich auch. Statt dessen einige kurze Sätze über das, was mir an Christinas Schreiben besonders gefällt. Dann wird Christina einen ersten Textteil vortragen.


    Wir begannen unsere Zusammenarbeit vor ungefähr 2 Jahren. Ich hielt das Manuskript in der Hand. Nachdem ich ein Panoptikum des skurrilen Verstandes zum Thema "Entstehung der Welt", ein grottenschlechtes Manuskript über alchimistische Geheimbünde und besagten Text über die Rache eines Vaters an der Kinderschänder-Mafia gelesen hatte - das war die Auswahl der ersten Bücher, unter denen wir uns entscheiden mußten, was wir für druckwürdig befanden -, sagte ich mir beim Lesen von Christinas Text, DAS ist LITERATUR.


    Jetzt könnte ein Schlaumuckel des Wegs kommen und sagen: Unter den Blinden ist der Einäugige König! Das mag gelegentlich stimmen, trifft aber in unserem Fall nicht zu.


    Wollte man Christinas Text auf einen Nenner bringen, so würde ich SCHÖPFERISCH vorschlagen. Damit ist ein Wortfeld markiert, das sich um Phänomene und Begriffe des Werdens, Entstehens, sich Entwickelns, Entfaltens, des Ursprungs, des Zeugens, Gebärens, des Wachsens, Reifens, Vervollkommnens, der Fruchtbarkeit, Probleme einer Schöpfung aus dem Nichts, des Neuen, des Originalen, Eigenartigen, des Bildens, Formens, Gestaltens, der Arbeit, des Demiurgischen, des Verwirklichens, des Eros, der Kraft, des Dämonischen, der Eingebung und Offenbarung, des Heldischen, der Echtheit, Verknüpfung des Verschiedenen, des Irrationellen, der Freiheit usw. dreht.
    Und was liegt dem allem zugrunde? Das Erlebnis. Ein Dichter benötigt das Erlebnis als ein unmittelbares Haben. Er benötigt es, um sich eine Welt zu bauen, die er anderen mitteilt. Er dehnt sein Erleben aus, im Raum, in der Zeit, er betont und vertieft. Und wenn ein Eindruck in uns Lesern geschaffen werden soll, dann durch die Verwandtschaft, durch die Begegnung mit dem Bekannten, zu dem etwas Unbekanntes tritt, das es ermöglicht, unsere Welt zu bereichern.
    Zu dieser Gruppe seltener, bereichernder Erlebnisse unseres Lebens gehören die Begegnungen mit Seinsgestalten und Menschen aus unserer Phantasie, Begegnungen mit Vorgängen, alltäglichem Wahnsinn, alltäglichem Nonsens und alltäglicher Last. Des Dichters Last ist es, diese Alltäglichkeit symbolisch, zumindest aber allegorisch aufzuheben und auf den Leser zu wenden. Das wäre auch eine Definition für Wende-Roman!
    Der Leser wird erschüttert und - wenn es der Künstler vermag - für die Heldin eingenommen. Das Gewaltige, was der Heldin geschieht, geschieht so ihm selbst. Das nennt man einen Zugang schaffen.


    Christina schafft diese Zugänge durch verschiedene Techniken:
    1. sie schafft ein zumindest heute Dreißigjährigen altbekanntes Lebensumfeld, die DDR am Ende der 80er Jahre, in das sie ihre Heldin stellt;
    2. sie schafft das Nichtalltägliche durch ein Aufbrechen dieses Lebensumfeldes; eine Reise verändert Lebensgewohnheiten;
    3. sie schafft die Kunstfigur eines Diabolos, der die Auflösung des Gewohnten noch verstärkt und gleichzeitig keine Phantasmagorie bleibt, weil er in das Geschehen ständig eingreift oder einzugreifen droht;
    4. sie konstruiert eine gewöhnliche Liebesgeschichte, die nur scheinbar von Anfang an auf verlorenem Posten steht: Es ist die Entwicklung der Heldin entscheidend, nicht das Happy End der Liebesgeschichte - und daß es ihr darauf ankommt, das läßt sie den Leser schon spüren;
    5. sie verbindet persönliche Erfahrungen mit historischen Veränderungen: der Untergang der DDR ist gleichsam durch die niederschmetternden Erlebnisse der Heldin in Studium, Liebe und Gesellschaft vorweggenommen;
    6. sie sucht eine Sprache, die mehr als Worte umfaßt: sie sucht einen Allgemeinplatz für die Verständigung und spricht bei dieser behutsamen Suche den Leser als etwas Überpersönliches an..


    Liebe Zuhörerschaft! Ich glaube, es ist deutlich geworden, warum ich der Meinung bin, daß Christinas Buch einerseits weit mehr als ein Wende-Roman ist. Ein Wende-Roman stellt die Wende in den Mittelpunkt. Das besagt der Wortinhalt WENDE-ROMAN. Christinas Roman stellt die Entwicklung eines einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Das ist weitaus mehr als jeder Wende-Roman liefern kann.
    Christinas Text ist aber auch weniger als ein Wende-Roman, DER Wende-Roman. Sie verdichtet die Wende in der DDR nicht zu einer politischen Forderung, sie bleibt subjektiv, bei sich, in sich untergeordnet. Das mag den einen oder anderen Leser enttäuschen. Mir hat es gefallen, denn müssen wir uns nicht alle die Frage stellen, ob wir nicht selbst zur Unterordnung unter jedes politische System neigen?


    Mit dieser Frage möchte ich meine kurze Rede beenden und Christina das Wort übergeben.

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Ich will ja die Freude nicht trüben, zumal Abhilfe versprochen ward, aber diese Mängelliste kann ich nicht vorenthalten:


    Mängelliste:


    1. S. 306 fehlt
    2. S. 311 fehlt
    3. Druckbild uneinheitlich
    4. schlechte Klebung
    5. Einbandschrift verschwommen
    6. unsaubere Druckerschwärzepunkte auf Außenrändern
    7. keine Leinenstruktur beim Einband
    8. Innen- und Außenränder nicht symmetrisch
    9. Textbild schief
    10. Vor dem Prolog fehlt die Leerseite.
    11. Kopfzeilenabstände variieren zwischen 1,7 und 1,6; ausgemacht und definiert waren 1,5.


    Fazit: Neue Druckerei wird besorgt.

  15. #15
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Christina Müller: Ostwind

    Endfassung liegt beim Drucker in Dresden vor. Die Rechnung beim vlb (Verbund lieferbarer Bücher) ist bezahlt, damit jeder Interessent in D und anderswo das Buch über den Buchhandel beziehen kann. Wir warten aufs ok für die ISBN-Nr., damit wir dem Druckhaus das ok zum Druck geben können.


    Das ist wie's Warten aufs Christkind.

  16. #16
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Gedanken zum Gattungsbegriff WENDE-ROMAN

    Muß jedenfalls historisch umfaßt werden. Zeit und Ort: DDR. Für den Westen nicht zutreffend. In Osteuropa wurden die gesellschaftlichen Veränderungen um 1989 REVOLUTION oder "Perestroika" genannt, in der DDR "Wende". Was unterscheidet Revolution von Wende? Die Richtung der Bewegung. Eine Wende ist eine Kehre - in der DDR die Hinwendung zu einem anderen Teil Deutschlands, zur BRD, zudem die Erkenntnis, daß der westdeutsche Weg richtig, der ostdeutsche falsch gewesen; darum nur Teilaspekt der Revolution erfüllt bei Betrachtung einer deutschen Identität, wie's die BRD für sich in Anspruch nahm -, keine Umstülpung. Tempo und Ordnung der Dinge bleiben bestehen. Alles mit Fragezeichen zu versehen: War die BRD eine politische Alternative für die Menschen in der DDR?
    Bei einer Revolution ändert sich alles, das Unterste wird zu oberst gekehrt. Also, Zeitraum neunziger Jahre. Vergleichbar mit Biedermeier-Roman, Vormärz-Roman, sozialistischem Realismus? Ist der Wende-Roman eine zeitlich fixierbare Gattung? Gattung vielleicht zu hoch gegriffen? Eine Modeerscheinung wie breakdance oder Hiphop? Ist es 2001 schon zu spät für einen Wende-Roman?

    Was muß drin stehen: (Merkmale)
    1. in der Exposition müssen die Dinge des Davor dargestellt werden;
    2. ein Roman benötigt einen poetischen Rahmen; der politische Begriff WENDE muß den Kern markieren;
    3. Stilmittel sollten die des sozialistischen Realismus - keine Strauss-Ästhetik, Godot, Turrini, Grass - sein, daraus entsteht ein Problem, weil eben die Gefahr der Parodie besteht - die Form wird beibehalten, aber die Inhalte werden umgekehrt -, wie's auch in etlichen Wenderomanen geschah (Sonnenallee, Helden wie wir) oder es besteht die Gefahr fehlender Leichtigkeit (Nicolaikirche), wenn der Inhalt protuberant wird;
    4. explizite (gesell.) und implizite (subjektive) Fragestellungen werden durch die Virulenz der gestaltenden Kräfte forciert und einer Lösung zugeführt;
    5. die historischen Ereignisse vom Herbst '89 müssen Nennung finden, zumindest im poetischen Rahmen für den Leser erreichbar sein;
    6. die politischen Ereignisse müssen auf die Helden Auswirkungen haben.

    Der Typus der Erzählsituation (auktorial, ich-Form oder personal) ist nebensächlich, denn entscheidend ist, daß in einer halbkreis- oder kreisförmig angelegten Ganzheit das Romanhafte zum Ausdruck kommt. Das bedeutet, der Wende-Roman muß die Ganzheit des Gesellschaftlichen erfassen, muß Verhältnisse beschreiben, indem verschiedene Erzählsituationen geschaffen werden, wodurch eine gegenseitige Verwandtschaft der Situationen deutlich wird. Warum? Weil der Wende-Roman zuvörderst gesellschaftliche Themen in den Mittelpunkt stellen muß, die aber im Subjekt einen Niederschlag fanden, dann finden.
    Ein Wende-Roman baut sich als Mischform auf. Einzelne Elemente extremer Darstellungssituationen sollen heuristisch wirken. Der Leser erkennt im Neben-und Miteinander typischer Gegebenheiten die triadische (drei Ebenen der Erzählsituation; siehe oben) oder kreisförmige (dann mehr auf Entwicklung bzw. spiralförmige Anordnung gesetzt) Anordnung des Gesamtwerkes.
    Fraglich ist die pointierte Darstellung. Soll eine Krisensituation ins Zentrum gestellt werden? Wohl kaum, weil die Spannungsmomente sich notwendig darauf beziehen müssen, polare statt triadische Annäherung dann spezifisch wären, was einem ganzheitlichen Anspruch nicht genügte.

    Also, alles zielt auf die Darstellung einer Lebensgeschichte ab. Die Handlungsdauer korreliert mit der Erzählzeit. Der Leser wird durch Jahrzehnte geschleppt... Dies scheint nahezuliegen, aber genau daß es eben nicht so ist, unterscheidet endgültig den Typus "Wende-Roman" von herkömmlichen Entwicklungsromanen. Zwar spielen pointierte und zumeist knapp erzählte kritische Ereignisse eine entscheidende Rolle, aber der historische Zeitraum ist begrenzt. Wiewohl: Vielleicht neigt man als Wende-Roman-Schriftsteller gerade dadurch dazu, den knappen historischen Horizont durch auseinandergedehntes Erzählverhalten breiter zu machen. (Knapp ist der Zeitraum der eigentlichen Taten, die Ankündigung allerdings vollzog sich längerwärts.)
    Die Schicksalskurve des Helden steht im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen, sie fällt in eins, sie koinzidiert. Der Prozeß des allmählichen Reifens, der historische Ereignisse bestenfalls benutzt, um diesen Prozeß voranzutreiben (zu katalysieren), steht als Indiz auch für den Wende-Roman, allerdings besitzt er hier entscheidende Bedeutung. Eben eine Wende. Im Entwicklungsroman besitzen historische Ereignisse akzidentiellen Charakter, wichtiger ist das Subjekt. Im Wende-Roman verschwindet das Ich in der Allgemeinheit, zumindest tritt es nur im Schatten auf.
    Im Entwicklungs-Roman läuft alles auf die Entwicklung des Ichs hin zu einem Ideal ab, nicht auf das Verschwinden des Ichs in einem gesellschaftlichen Nichts/Ichts. (Muß noch genauer geprüft werden.) - Der Charakter des Helden bleibt Substanz für die Handlung, aber das Schicksal erfüllt sich außerhalb. Eine Verbindung zum Inneren wird punktuell erzielt. Unausschöpfbar bleibt die Gegensätzlichkeit von Wille und Vorstellung. Das Außen kann dem Willen Ziele setzen, die aber niemals erreicht werden.
    Ein Wende-Held kann dem Nexus nicht Paroli bieten: er vergeht, er ordnet sich unter oder ein. Ein Entwicklungs-Held besteht die Reifeprüfung.

    Fasse ich es also zusammen: Der Wende-Roman ist eine Unterordnung des Entwicklungs-Romans. Das Politische besitzt eine größere Bedeutung als das Persönliche. Beim Entwicklungs-Roman wird das Schicksal genommen, im Wende-Roman hingenommen. Allerdings besteht die Möglichkeit (für den Autoren) hier einen starken Charakter in ein Wende-Geflecht zu setzen, ihn sich bewähren zulassen. Doch den Beweis einer solchen Handhabung eines neuartigen poetischen Rahmens bleiben heutige Schriftsteller bislang schuldig.

    Ist Christinas Roman ein Wende-Roman?

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Ich habe es noch nicht gelesen, aber da ist etwas, worüber wir noch reden sollten: Ein guter Text lebt aus sich selbst heraus; Spielereien mit fett/kursiven Schriftarten sollten möglichst vermieden werden, denn so etwas haut einen nur aus dem Lesefluß heraus. Was ich von Fußnoten halte (die nicht unbedingt nötig sind) weiß der Verlag ja sowieso.
    Es gibt nur wenige Seiten, in denen nicht irgend eine formale Eitelkeit, die nicht der Geschichte, sondern nur sich selbst dient, penetrant ins Auge sticht.
    Wie gesagt, darüber sollten wir noch reden.


    Mark

  18. #18
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Christina Müller: Ostwind

    Sind keine Spielereien, sondern bewußte Setzungen. Kursiv ist all das Unbewußte bzw. Bessmertny Zuzuschreibende. Hat also einen formalen Sinn, eine übergeordnete Bedeutung. Die fetten Hervorhebungen ergeben zumeist für sich genommen eine neue Sinneinheit, so z.B. die für die angesprochene Seite 54.
    Eines allerdings muß man zum Gesamttext schon kritisch anmerken; der Durchschüsse sind einige zuviel. Dabei habe ich schon über 50 herausgestrichen. Dennoch leidet meiner Meinung nach das Lesevergnügen nicht darunter.


    Aber warten wir weitere Reaktionen ab.


    Möppel, mein Lieber, Du solltest erst urteilen, wenn Du's gelesen hast. (Du hast gestern wohl ein bißchen tief ins Glas geschaut, daß Du hier so mutig auftrittst?)

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Wenn Du das mutig nennst, dann solltest Du mich mal erleben, wenn ich wirklich zu tief ins Glas geschaut habe.
    Ich habe nicht den Text kritisiert, sondern den allerersten formalen Eindruck (das ist legitim - auch ohne Kenntnis des Inhalts).
    Auf mich wirkt es unruhig und marktschreierisch, wenn ich ein Buch aufschlage und kein unaufdringliches Rechteck aus Worten vorfinde, sondern einen bedruckten Flickenteppich.
    Zum Text selbst werde ich mich (selbstverständlich) erst nach der Lektüre äußern.

  20. #20
    Michael I.
    Status: ungeklärt

    AW: Christina Müller: Ostwind

    Das Buch schaut nur nach hinten. Ein Entwurf fehlt. Die Heldin kann ich mir nur schwer vorstellen. Die hat keinen Unterleib. Ich vermisse Überraschungen. Das alles plätschert so dahin. Ich weiß nicht, wie es in der DDR als Student war, aber muß da nicht mehr kommen?
    O.k., ich habe gerade Leni Riefenstahls Erinnerungen gelesen, vielleicht habe ich einen schlechten Vergleich, aber hast du was Spannenderes?

  21. #21
    Tino
    Status: ungeklärt

    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Der Roman "Ostwind", von Tino Strempel gelesen
    -----------------------------------


    Habe mich vom Ostwind Richtung Westen tragen lasse. Auf der Fahrt nach Brüssel habe ich die erste Hälfte gelesen und fand einen Bericht vor, der zwischen politischer Reflexion und wirklicher Handlung schwankte und für mich, den Leser, verschlossen blieb - ich wurde nicht hereingebeten, nur besprochen zu einem Thema. Da fühlte ich mich erst einmal fremd.
    Das änderte sich mit dem Ausbruch, dem Aufstieg ins Gebirge, mit der Begegnung von Menschen in der Natur, mit dem Kulturmenschen, der ein offenes ehrliches Gespräch führte und in den Menschen das Positive förderte im Wissen um das Abgründige. In diesem Moment wurde ich als Leser verwickelt, die Handlung sprach und die Sprache lebte aus sich selbst und in allen Worten erschienen Räume und Gestalten, mit denen ich mich auseinandersetzen konnte. Das war schön, da war ein Suchen und Wollen, und ich konnte teilhaben und auf mich beziehen; erkennen, hoffen und bangen.
    Kurz - das Buch, im zweiten Teil, auf meiner Rückfahrt von West nach Ost, wurde zum Erlebnis, das mein Dasein bereichert.
    Bessmertny - ohne Seele -, das wußte ich beim Lesen nicht; das ist hart, unglaublich - das Kind ist von ihm: man denke! -, das Kind ist von ihm. Das begreife ich jetzt nicht und merke, daß ich nun völlig neu das Buch denken muß und möchte - er erschien mir auch nicht als eine Figur, die ohne Seele kam. Heißt für die Autorin 'ohne Seele' vielleicht 'ohne Naivität'? Sie ist wohl eine rechte Romantikerin - ich mußte beim Lesen immer an Carolinen [Schelling-Schlegel] denken! , der Erhabenheit für Seelenlosigkeit gilt?
    Es ist ein romantisches Buch, fragmentarisch, wollend, hoffend, rastlos... Es ist ein Erlebnis, ein wichtiges Buch für mich.


    Herzliche Grüße an die Autorin von Tino Strempel aus Rostock.

  22. #22
    howah
    Status: ungeklärt

    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Das Buch, inhaltlich: Obwohl, aber auch weil es sehr einfach geschrieben ist. Weil die Schwierigkeiten, mit denen Caroline zu kämpfen hat, "einfach" geschildert werden, ohne (Helden-)pathos. Sie kämpft sich
    durch die Gebote und Verbote zweier Systeme, die sie schon im Wanken glaubt. Mal gibt sie nach, mal nicht - das macht die Protagonistin sympathisch.
    Obwohl sie, alles in allem, etwas blass bleibt. Erst etwa in der Mitte des Buches erfährt man etwas über ihr Aussehen, zum Beispiel. Für visuell orientierte Leser, die sich ihre Caroline inzwischen hergestellt
    haben, kann das ein Schock sein; umbauen!
    Sätze wie "sie spürt ihre Mitte" haben bei der Carolinenerstellung auch nicht viel weitergeholfen. Und nun hat sie plötzlich ein rundes Gesicht - ist sie etwa eine Frohnatur?
    Die Geschichte von der Dachkletterei im Studentenheim wirkt sogar für unsereinen, soweit er älter ist, vertraut. Nur denke ich, an solchen Stellen müsste auch einmal der Unterschied zur westlichen Welt
    festgemacht werden: Caroline ist ein Kind der selben Generation wie die überaus freie Jugend der "freien Welt", die über so etwas nur lachen können. Das hat sie, z.B. im Fernsehen, doch sicher mitbekommen, wie denkt-fühlt sie dar?ber, sie ist doch ein erwachsene Frau.
    Auf weite Teile der zweiten UDSSR-Reise hätte ich verzichten können, hier werden im Großen und Ganzen schon einmal geschilderte Schwierigkeiten wiederholt. Die Metapher "aus dem Fenster" ist aber gut; auch das Bibelgeschenk - warum aber zwei?
    Eine wäre viel eindrucksvoller.
    Ich fand es auch schade, dass am Ende des Buches gesagt wird, dass mit Jackie nie "etwas passiert" ist. Dass man darüber zuvor nie Klarheit bekam, machte die Liebesgeschichte spannend und so passend; passend auch zu den Restriktionen in der UDSSR.
    Ein Meisterstück ist die Schilderung der Entbindung; hier wird der Verzicht auf Pathos zur Kunst. (Und wohltuend, bedenkt man die herrschende Mode der Mutterschaft-Stilisierung.) Und das schwierige Leben mit dem Kind in der Nachwendezeit auch. Hier wird das Buch spürbar intensiver, packender. Die Symbolik, Zeugung-Niederkunft, Leben mit Kind stimmt. Caroline geht aus ihrer Passivität heraus und wieder in die Abhängigkeit (Joschka). Da würde man gerne noch etwas dazu lesen.
    Die Autorin nimmt zum Schluss einen großen Schwung - aber dann ist das Buch zu Ende. Von daher verstehe ich nicht, warum Du das Buch einen "Wenderoman" nennst - schließlich kommt sie nur in den letzten Kapiteln vor.


    Das Buch, äußerlich: Der Umschlag ist nicht schlecht; die "altmodische" Kapiteltitelung auch nicht. Aber dann: immer wieder Zeilen mit großen Durchschüssen. Große Absätze, manchmal mitten im Erzählfluss. Und die vielen Schriftarten: auf Seite 54: Klein-Fett; klein-dünn; Fließtextgröße; kursiv; fette Einzelnworte - also, wenn ich das richtig gezählt habe, 5 (fünf!) Schriftarten auf einer Seite! Mannomann. Und warum sind die Fußnoten nicht unter dem Satzspiegel? auf Seiten 232/233 gibt es mit je einer Fußnote, eine tiefer, eine höher, mit Strich drüber; dazu je 4 Schriftarten, das wirkt schon sehr unruhig.


    Alles in allem: was Caroline als Studentin und Gaststudentin (während der Pestroika) erlebt, ist dokumentarisch und auch gerade für Wessis interessant. Ich würde die Werbung mehr auf diesen Aspekt legen.

  23. #23
    ZDF
    Status: ungeklärt

    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Kritik, die uns als Ablehnung des ZDF erreichte, Christinas Buch als Film zu konzipieren: Der vorliegende Roman ist ein interessantes Zeitdokument. Nicht mehr und nicht weniger. Für eine Verfilmung fehlt es aber an grundlegenden Dingen. Zwar gibt es eine sympathische Protagonistin, die jede Menge Probleme zu bewältigen hat, aber es fehlt ihr an geeigneten Mitspielern und Gegnern. Sämtliche Freundinnen bleiben blaß und gewinnen kein richtiges Eigenleben. Jacky, der Student aus Laos, wird zwar näher beschrieben, aber auch er gewinnt nicht genügend Kontur, um daraus eine Person zu gestalten, die das Interesse des Zuschauers wecken könnte. Zu marginal bleibt auch die Beziehung zwischen den beiden, und das liegt nicht allein daran, daß es zwischen ihnen zu keinen sexuellen Handlungen kommt. Schon eher wirkt es befremdlich, daß die gemeinsame Liebe zu Jacky nicht zwischen Petra und Caroline zu heftigeren Auseinandersetzungen führt, und sei's mit dem Ziel einer Art Verschwisterung.
    Die politisch gewollte Kontaktsperre wirkt sich negativ auf das Gefühlsleben aus. Daß die Protagonistin darunter leidet, ist offensichtlich, daß ihre Ausbruchversuche halbherzig bleiben, macht sie sympathisch, ohne das Interesse an ihr zu verstärken. Auch die Einführung ihrer teuflischen Kopfgeburt Iwan führt nicht zu dramatischen Situationen, macht lediglich die unerträgliche Gegenwart etwas erträglicher. Hier werden jede Menge Möglichkeiten für Spannung und spielerische Auseinandersetzung verschenkt. Was würde z.B. passieren, wenn andere Menschen Carolines alter ego wahrnehmen würden? Welche Konflikte ergäben sich daraus, wenn Caroline mit jemandem spräche, der nicht da ist? Was passierte, wenn Iwan in Momenten auftauchen würde, in denen Carolines volle Aufmerksamkeit auf andere Personen gerichtet sein müßte?
    Woody Allen hat die Einführung eines imaginären Idols in "Play it again, Sam!" wunderbar durchdekliniert. Davon ist hier leider nichts, weil Iwan nicht als Idol funktioniert, sondern lediglich als gedankliche Fluchthilfe, noch dazu relativ beliebig. Auch wäre es wesentlich spannender gewesen, nicht Iwan zum Vater von Jonas zu machen, sondern den realen Jacky.
    Ein weiterer Nachteil ist die Zeitspanne von 1986 bis 1989. Dazu kommt noch das halbe Jahr Zivildienst, das dramaturgisch eher störend wirkt, ebenso wie der lange Zeitraum der Schwangerschaft.
    Daß ehemalige Konkurrentinnen am Schluß zu Freundinnen werden, kommt relativ unvermittelt und wird auch nicht weiter verfolgt. (Zieht Simone nun in Carolines Wohnung, oder nicht?)
    Ich möchte der Autorin nicht absprechen, daß ihr Roman über literarische Qualitäten verfügt. Aber ihre Stärke liegt in den Selbstbefragungen, den Skrupeln, den Zweifeln am System. Das reicht leider nicht aus, um eine für breitere Publikumsschichten geeignete Verfilmung zu rechtfertigen.
    Trotzdem aber ein sehr interessanter Lesestoff!

  24. #24
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Christina Müller: Ostwind

    Mal im Ernst, übertreiben Sie nicht ein wenig? Mit Ihrer Kritik zu OSTWIND liegen Sie vielleicht im Trend einer postmodernen (westlichen) Sichtweise; allerdings ist das Buch

    1. kein Buch aus dem Westen und
    2. kein Buch einer Westbürgerin.

    Sie müssen hier andere ästhetische und gestalterische Parameter anlegen. Das Buch ist thematisch eine Spiegelfechtung. Zudem geriert sich die Heldin als hermetisch, alles ist auf sie zu beziehen. Ein äußeres alter ego, wie Sie's in Form eines dramaturgisch gerechtfertigten Gegenspielers einfordern, ist in solchen Fällen störend. Entwicklung vollzieht sich übers innere alter ego, diesbezüglich aber ist es Metapher für den Teufel, die symbolische Dopplung des Eigenen, dessen Faxen gleichsam Handlung vorantreiben und aufhalten. Alle anderen Figuren sind darum geschart, würden, wenn man sie zentrierte, gegebenenfalls verwirrend wirken, den Gang mehr aufhalten und somit die einfache Geschichte unnötig verkomplizieren. Anfängliche Unsicherheit im slawischen Teufel (Wie wird das geschrieben? fragt er Caroline unsicher in der Bibliothek bei ihrer ersten Begegnung in Belgorod.) verstaltet sich zu einer Inbrunst des Besserwissens am Ende des Romans (als er klarstellt, wie man sich im Westen verhalten müsse, denn da ist der Teufel in seinem Element). Fragen sind, aber sie sind gestellt, sie weisen nicht vorwärts; insofern ist das Buch ein Entwicklungsroman hin zum Ankommen beim Schlechteren.


    Ich mach es Ihnen etwas genauer:
    Sämtliche Freundinnen bleiben blaß, schreiben Sie. Woran könnte das liegen? Stellen Sie sich vor, was mit dem Erzählfaden geschähe, wenn Petra oder Simone mehr Eigenleben entwickelten? Sie sehen das zu schematisch. Es sind die leisen Töne, die zu Ostzeiten ein Gespräch ständeten. Die Menschen haben ihre Konflikte, sofern sie sich außerhalb der Arbeitswelt austrugen, nicht gleich losgeschrieen, jedenfalls nicht in einem ausländischen Studentenwohnheim, nicht innerhalb einer FDJ-Versammlung und schon gar nicht, wenn sie als Segensträger der DDR in der Sowjetunion Verantwortung trugen. Dies zur Intension der Entwicklung. In der Intention mag Caroline den Wunsch verspürt haben, sich zu konzentrieren. Sicherlich hätte sie durch Verfremdungen und Übertreibungen den eigentlichen Verlauf konterkarieren, moderner gestalten können: Sie wollte oder konnte nicht. Es hätte ihrer Natur und ihren Absichten widersprochen. Das muß man als Lektor, Dramaturg und Leser/Zuschauer hinzunehmen lernen, daß es Autoren sind, die erzählen, nicht Maschinen.
    Ich muß insofern zustimmen, als daß der Zwischenraum zwischen der Rückkehr aus der SU und dem Anfang der Wende von Christina nicht sehr geschickt gefüllt wurde. (Auch wenn der DDR-Zivildienst in einem paramilitärischen Lager für Mädchen nur sechs Wochen dauerte, nicht sechs Monate.) Hier wäre zumindest Zeit für eine retardierende, mithin auch zuspitzende Analyse der eigentlichen Feindin im persönlichen Bereich gewesen. Auch die Idee einer sich äußerlich manifestierenden Gestaltung dieses Widerparts wäre ins Auge zu fassen gewesen. Allein, sie hat sich anders entschieden, springt, weil eben hier nicht Simone oder Petra im Mittelpunkt stehen, sondern die Spiegelfechtungen, die der Ostwind zum Drehen zwingt. Und jetzt kommt's, was Ihre Kritik in diesem ganzen Bereich vielleicht vollends aushöhlt: Caroline hat diese Mädchen nicht als Feindinnen empfunden. Sie waren ihr nicht wichtig genug, es entspricht nicht der Ästhetik des DDR-lers, seine Mitmenschen als Konkurrenten oder Feinde zu empfinden, vielleicht als Zuträger und in diesem Sinne ist Vorsicht geboten, doch diese Ebene berührt die Beziehung zu Jackie nicht. Wichtiger war sie sich, wichtiger war ihr alter ego, wichtiger war das Drumherum, das Ringsum um den heilignüchternen Kreis, wie's Hölderlin nannte.
    Jackie gewinnt nicht genug Kontur...zu keinen sexuellen Handlungen...; was anfangs zu bedauern ist, im nachhinein jedoch gerade einen Reiz der Beziehung ausmacht. Allerdings möchte ich den ersten Kuß schon als sexuelle Handlung bewerten. Ein Kuß kann durch und durch gehen, mehr als mancher Koitus, wenn ich jetzt als Mann sprechen darf, dem es vergönnt war, einen oder zwei Küsse in seinem Leben erhalten zu haben. Ich habe das auch als Lektor und Leser des Buches an dieser Stelle im Buch als wohltuend empfunden, da? eben nicht gleich losgerammelt wurde, wie's zu meiner Zeit eigentlich üblich gewesen. Ich denke, daß zwischen Petra und Caroline keine Konkurrenz-Situation besteht: Anfangs denkt Caroline, daß die eingedrückten Brüste auf Jackies Bettlaken ihr so etwas wie Wut evozieren sollten. Geradezu wohltuend ist die Wendung, die ihr Denken und Empfinden da nimmt: Sie weiß, daß der nackte Sex es eben nicht ist, der ihre Beziehung zu Jackie ausmacht; sie wünscht sich den Sex, aber sie stellt ihn nicht so vorn an. Das ist fein und sehr amüsant, sehr katholisch auch. (Bitte vergessen Sie niemals, daß die Autorin eine DDR-Katholikin ist, also eine reinsten Wassers.)
    Auch die Einführung ihrer teuflischen Kopfgeburt Iwan, führt nicht zu dramatischen Situationen, schreiben Sie. Es ist nicht Iwan, es ist das andere Ich, modifiziert in vielerlei Gestalt, mal als Johannes, mal als John, mal als Iwan auftretend, immer jedoch ohne Seele (Bessmertny), weil nur als Schlemihl Fundierung und Grat besitzend.
    Dramatische Situationen suchen sie. Das ist vielleicht das Problem. Leser suchen sich Spannungsmomente, suchen sich Situationen heraus, die sie selbst kennen beziehungsweise erkennen, in denen sie sich positionieren können. Dann suchen sie sich auch den Gegner, suchen sich den Feind und es interessiert sie, was ihr Held gegen den Feind beziehungsweise in der Situation nun macht. Wenn Sie Bessmertny nun als deus ex machina betrachten, dann liegen Sie falsch. Das ist nicht seine Funktion. Er kann und darf nicht von anderen gesehen werden. Er kann und darf nicht direkt in die Handlung eingreifen, jedenfalls nicht als Spiegelfechtung. Der Witz ist: Er ist da. Jeder kann ihn sehen, aber keiner weiß um seine Funktion für Christina/Caroline. Er muß auch der Vater sein. Ein Kritiker schrieb diesbezüglich:

    erstellt von Tino:
    Bessmertny - ohne Seele -, das wußte ich beim Lesen nicht; das ist hart, unglaublich - das Kind ist von ihm: man denke! -, das Kind ist von ihm. Das begreife ich jetzt nicht und merke, daß ich das Buch nun völlig neu denken muß und möchte - er erschien mir auch nicht als eine Figur, die ohne Seele kam. Heißt für die Autorin 'ohne Seele' vielleicht 'ohne Naivität'? Sie ist wohl eine rechte Romantikerin - ich mußte beim Lesen immer an Carolinen [Schelling-Schlegel] denken! , der Erhabenheit für Seelenlosigkeit gilt?
    Es ist ein romantisches Buch, fragmentarisch, wollend, hoffend, rastlos... Es ist ein Erlebnis, ein wichtiges Buch für mich.
    Wollte ich Christina böswillig interpretieren, dann würde ich die Geburt des Sohnes, die mit dem Neubeginn unseres Vaterlandes koinzedierte, dazu wenig später (im Buch) die Predigt Bessmertnys, wie geist- und verantwortungslos man sich im Westen, dem Kapitalismus, benehmen müsse, dann würde ich das alles zusammenfallen lassen und fertig ist ein Wende-Roman, aus der Beschaulichkeit des fehlerhaften Sozialismus - Bitte unterstellen Sie jetzt weder der Autorin noch uns vom Verlag, daß wir Sozialisten seien: Wir sind es definitiv nicht! - und dem selbstzweifelnden Fragen eines (freiheits)beschränkten Menschen hin zum Angekommensein und dem letzten Ja zum Krieg in Afghanistan oder werweißwo.


    Woody Allen vergessen Sie an dieser Stelle mal ganz schnell. Es geht nicht um die Irritationen eines nur Möglichen ? durchdeklinieren nennen Sie das -, sondern ums Wirkliche, dem sich Wünsche an die Seite stellen, die nicht neurotischer Natur sind. Unser Buch hat nichts Dekadentes oder auch nur Skurriles an sich. Wenn man der Heldin etwas ankreiden möchte, dann vielleicht, daß sie selten zu lachen scheint. Sie könnte die Nase etwas niedriger halten. Sie ist eben auch nicht halbherzig in ihrem Wollen, wie Sie das meinten. Sie ist ein Steher. Flucht kam und kommt nicht in Betracht. Fertig.


    Punktum: Kein Buch fürs ZDF. Kein Buch, das sich zur Verfilmung eignet. Sie haben ganz recht. Wie wollte man auch all die feinen Nuancen, die ein Gespräch feiern kann, dramaturgisch umsetzen? Bringt keine Quote. Zum Schaden von uns allen.


    Einen Gruß aus Magdeburg, Robert-Christian..

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Christina Müller: Ostwind

    Ein sehr schönes Buch, "Ostwind" von Christina Müller.
    Warmherzig, Anteilnahme am Schicksal der Heldin erzwingend, spannend, viel über Russland und die DDR vermittelnd.
    Zentrales Problem: Die Symbolfigur des Bessmertny, die für mein Gefühl nachträglich hineinkonstruiert und nur halbherzig durchgehalten wirkt.
    Ein Wort zum Satz: Mir sind keine Druckfehler aufgefallen, nur zu hoch stehende und zu kleine Anmerkungssterne sowie ein anfängerhafter Blocksatz, der stellenweise riesige Löcher aufweist. Das wäre (z.B. durch automatische Silbentrennung) vermeidbar gewesen.
    Ansonsten: Liebevoll gemacht, die Anmerkungen sind nicht überflüssig, die Kapitelinhaltsangaben altmodisch verschmockt.

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