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Thema: Die Krötenkönigin

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    Die Krötenkönigin

    Die Krötenkönigin

    In modernen Zeiten, die dem Wünschen eine nur geringe Erfolgswahrscheinlichkeit einräumen, lebt eine Königin in ihrem prächtigen Niedrigenergiehaus, deren Töchter alle klug sind. Ihre jüngste Tochter ist so klug, dass die klügsten Männer des Landes an Minderwertigkeitskomplexen zu leiden beginnen, sobald sie in des Tochters Nähe kommen.
    Die Königinnentochter hatte es sich zur Gewohnheit gemacht ihr tägliches Work-Out mithilfe eines Balls im Hinterhof zu absolvieren. Sie warf den Ball in die Luft und fing ihn dann wieder auf. Immer wilder trieb sie es, immer höher warf sie ihn, bis sie von einem heranrauschenden Tiefflieger so irritiert wurde, dass sie den Ball so schief in die Luft beförderte, dass dieser auf der anderen Seite des Zauns landete. „Nun, was mache ich jetzt?“, fragte sich die etwas adipöse Königinnentochter. „Der Weg zum Gartentor und wieder zurück ist mir zu weit, und über den Zaun klettern ist auch keine Alternative, weil der zu hoch ist.“
    Als sie so nachdachte, hörte sie eine Stimme von der anderen Seite des Zauns. „Ich kann dir den Ball rüberwerfen, wenn du mir einen Wunsch erfüllst.“ „Und der wäre?“, fragte die Königinnentochter, schlimmes erwartend.
    „Ich will dein Spielkamerad sein!“, sagte der Jüngling auf der anderen Seite.
    „Nein, das geht nicht. Du bist ein weißer Mann. Noch magst du jung sein, aber wenn wir einige Zeit Spielkamerad*innen gewesen sein würden, dann wärst du zum alten, weißen Mann geworden. Und das geht nun mal sowas von überhaupt nicht.“
    Nach den Worten der Tochter entfernte sich der Jüngling auf der anderen Seite und kehrte nach einigen Minuten zurück. Er hatte sich das Gesicht mit Schuhcreme angemalt und sprach: „So, jetzt bin ich nicht mehr weiß.“ Darauf zog ein gewaltiger Sturm über das Königinnenreich, der das grüne, blühende Land in eine braune, morastige Gegend verwandelte.
    „Was hast du denn getan, du Vollpfosten?“, rief die Königinnentochter verzweifelt. „Also gut, ich muss jetzt zum Abendessen, wirf mir den Ball rüber, dann kannst du mein Spielkamerad sein.“ Sie dachte sich im Geheimen, dass der Jüngling bald das Interesse an ihr verlöre und er zu seinen Proletarier-Spielfreunden zurückkehren würde.
    Sie täuschte sich. Der junge Mann kam am nächsten Tag zu ihr und auch am übernächsten.
    Am dritten Tag platzte der Königinnentochter der Kragen, denn sie wollte nicht mit diesem weißen Mann gesehen werden. „Was sollen meine Internetfreundinnen denken, wenn ich mit so nem Typen abhänge?“, dachte sie gramerfüllt und stieß den jungen Mann gegen das Elektroauto der Königinnenfamilie. Als der unsanft auf der Kühlerhaube aufschlug, tat es einen Knall und der junge Mann verwandelte sich in eine Kröte. Diese sprach: „Endlich ist der Zauber gebrochen. Ein böser Hexer verwandelte mich einst in diese würdelose Männergestalt. Aber nun bin ich wieder ich selbst.“
    Die Königinnentochter war hocherfreut ob dieser Ereignisse. Glücklich und zufrieden können die beiden nun ein langes und sinnerfülltes Leben führen.

  2. #2
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    AW: Die Krötenkönigin

    Die Idee find ich gut. Die Ironie kommt dabei nicht zu kurz und ganz gut raus, indem das, was du lächerlich machen willst - den Rassismus der Antirassisten im Kleid eines bekannten Märchens - als das Normalste der Welt geschildert wird. Vielleicht könnte man noch zuspitzen und pointierter auf den wunden Punkt kommen. Doch die Umdrehung des Märchens find ich sehr amüsant.

    Ein gutes Beisipiel, wie wichtig Ironie sein kann, wenn ein Text gelingen soll.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Die Krötenkönigin

    Schön, dass Du dich amüsiert hast.

    Die Sache mit der Ironie scheint Dir keine Ruhe zu lassen.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Krötenkönigin

    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Die Krötenkönigin

    In modernen Zeiten, die dem Wünschen eine nur geringe Erfolgswahrscheinlichkeit einräumen, lebt eine Königin in ihrem prächtigen Niedrigenergiehaus, deren Töchter alle klug sind.
    Zeitform Präteritum ist besser, denn dann ist der Märchenton getroffen.
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Ihre jüngste Tochter ist so klug, dass die klügsten Männer des Landes an Minderwertigkeitskomplexen zu leiden beginnen, sobald sie in des Tochters Nähe kommen.
    ironischer Tonfall hier besser, "Töchterchens Nähe", DES ist zu streichen
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Die Königinnentochter hatte es sich zur Gewohnheit gemacht ihr tägliches Work-Out mithilfe eines Balls im Hinterhof zu absolvieren.
    mithilfe klingt gespreizt
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Sie warf den Ball in die Luft und fing ihn dann wieder auf. Immer wilder trieb sie es, immer höher warf sie ihn, bis sie von einem heranrauschenden Tiefflieger so irritiert wurde, dass sie den Ball so schief in die Luft beförderte, dass dieser auf der anderen Seite des Zauns landete.
    SO IRRITIERT wurde in irritiert wurde, so daß sie.. SCHIEF ist falsch, schräg ist richtig; das zweite DASS streichen und in und der... landete
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    „Nun, was mache ich jetzt?“, fragte sich die etwas adipöse Königinnentochter. „Der Weg zum Gartentor und wieder zurück ist mir zu weit, und über den Zaun klettern ist auch keine Alternative, weil der zu hoch ist.“
    sagt sie das oder denkt sie es nur?
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    Als sie so nachdachte, hörte sie eine Stimme von der anderen Seite des Zauns. „Ich kann dir den Ball rüberwerfen, wenn du mir einen Wunsch erfüllst.“ „Und der wäre?“, fragte die Königinnentochter, schlimmes erwartend.
    zu schnell; laß die Tochter doch überlegen, ob sie sich überhaupt mit dem Jemand unterhalten will...
    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    „Ich will dein Spielkamerad sein!“, sagte der Jüngling auf der anderen Seite.
    „Nein, das geht nicht. Du bist ein weißer Mann. Noch magst du jung sein, aber wenn wir einige Zeit Spielkamerad*innen gewesen sein würden, dann wärst du zum alten, weißen Mann geworden. Und das geht nun mal sowas von überhaupt nicht.“
    Nach den Worten der Tochter entfernte sich der Jüngling auf der anderen Seite und kehrte nach einigen Minuten zurück. Er hatte sich das Gesicht mit Schuhcreme angemalt und sprach: „So, jetzt bin ich nicht mehr weiß.“ Darauf zog ein gewaltiger Sturm über das Königinnenreich, der das grüne, blühende Land in eine braune, morastige Gegend verwandelte.
    „Was hast du denn getan, du Vollpfosten?“, rief die Königinnentochter verzweifelt. „Also gut, ich muss jetzt zum Abendessen, wirf mir den Ball rüber, dann kannst du mein Spielkamerad sein.“ Sie dachte sich im Geheimen, dass der Jüngling bald das Interesse an ihr verlöre und er zu seinen Proletarier-Spielfreunden zurückkehren würde.
    Sie täuschte sich. Der junge Mann kam am nächsten Tag zu ihr und auch am übernächsten.
    Am dritten Tag platzte der Königinnentochter der Kragen, denn sie wollte nicht mit diesem weißen Mann gesehen werden. „Was sollen meine Internetfreundinnen denken, wenn ich mit so nem Typen abhänge?“, dachte sie gramerfüllt und stieß den jungen Mann gegen das Elektroauto der Königinnenfamilie. Als der unsanft auf der Kühlerhaube aufschlug, tat es einen Knall und der junge Mann verwandelte sich in eine Kröte. Diese sprach: „Endlich ist der Zauber gebrochen. Ein böser Hexer verwandelte mich einst in diese würdelose Männergestalt. Aber nun bin ich wieder ich selbst.“
    Die Königinnentochter war hocherfreut ob dieser Ereignisse. Glücklich und zufrieden können die beiden nun ein langes und sinnerfülltes Leben führen.
    weiter?

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Die Krötenkönigin

    Zweite Fassung:

    Die Krötenkönigin

    In modernen Zeiten, die dem Wünschen eine nur geringe Erfolgswahrscheinlichkeit einräumen, lebte eine Königin in ihrem prächtigen Niedrigenergiehaus, deren Töchter alle klug waren. Ihre jüngste Tochter war so klug, dass die klügsten Männer des Landes an Minderwertigkeitskomplexen zu leiden begannen, sobald sie in Töchterchens Nähe kamen.
    Die Königinnentochter hatte es sich zur Gewohnheit gemacht ihr tägliches Work-Out mit einem Ball im Hinterhof zu absolvieren. Sie warf den Ball in die Luft und fing ihn dann wieder auf. Immer wilder trieb sie es, immer höher warf sie ihn, bis sie von einem heranrauschenden Tiefflieger irritiert wurde, so dass sie den Ball schräg in die Luft beförderte, der dann auf der anderen Seite des Zauns landete. „Nun, was mache ich jetzt?“, fragte sich die etwas adipöse Königinnentochter selbst. „Der Weg zum Gartentor und wieder zurück ist mir zu weit, und über den Zaun klettern ist auch keine Alternative, weil der zu hoch ist“, murmelte sie vor sich hin.
    Als sie so nachdachte, hörte sie eine Stimme von der anderen Seite des Zauns. „Ich kann dir den Ball rüberwerfen, wenn du mir einen Wunsch erfüllst.“
    Sie spähte über den Zaun und sah einen blondgelockten jungen Mann, der sie anlächelte, auf der anderen Seite stehen.„Und der wäre?“, fragte die Königinnentochter, schlimmes erwartend. Vor solchen Typen hatte sie die Mutter immer gewarnt, aber den Ball wollte sie nicht kampflos aufgeben.
    „Ich will dein Spielkamerad sein!“, sagte der Jüngling auf der anderen Seite.
    „Nein, das geht nicht. Du bist ein weißer Mann. Noch magst du jung sein, aber wenn wir einige Zeit Spielkamerad*innen gewesen sein würden, dann wärst du zum alten, weißen Mann geworden. Und das geht nun mal sowas von überhaupt nicht.“
    Nach den Worten der Tochter entfernte sich der Jüngling auf der anderen Seite und kehrte nach einigen Minuten zurück. Er hatte sich das Gesicht mit Schuhcreme angemalt und sprach: „So, jetzt bin ich nicht mehr weiß.“ Darauf zog ein gewaltiger Sturm über das Königinnenreich, der das grüne, blühende Land in eine braune, morastige Gegend verwandelte.
    „Was hast du denn getan, du Vollpfosten?“, rief die Königinnentochter verzweifelt. „Also gut, ich muss jetzt zum Abendessen, wirf mir den Ball rüber, dann kannst du mein Spielkamerad sein.“ Sie dachte sich im Geheimen, dass der Jüngling bald das Interesse an ihr verlöre und er zu seinen Proletarier-Spielfreunden zurückkehren würde.
    Sie täuschte sich. Der junge Mann kam am nächsten Tag zu ihr und auch am übernächsten.
    Am dritten Tag platzte der Königinnentochter der Kragen, denn sie wollte nicht mit diesem weißen Mann gesehen werden. „Was sollen meine Internetfreundinnen denken, wenn ich mit so nem Typen abhänge?“, dachte sie gramerfüllt und stieß den jungen Mann gegen das Elektroauto der Königinnenfamilie. Als der unsanft auf der Kühlerhaube aufschlug, tat es einen Knall und der junge Mann verwandelte sich in eine Kröte. Diese sprach: „Endlich ist der Zauber gebrochen. Ein böser Hexer verwandelte mich einst in diese würdelose Männergestalt. Aber nun bin ich wieder ich selbst.“
    Die Königinnentochter war hocherfreut ob dieser Ereignisse. Glücklich und zufrieden konnten die beiden nun ein sinnerfülltes Leben führen, Wanderwege anlegen und Wasserschutzgebiete ausweisen. Bis der Tod sie im übernächsten Jahr schied, denn Kröten haben eine eher kurze Lebenserwartung.

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