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Thema: Fremde Federn - ausgesuchte Texte von Nichtwolkensteinern

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Fremde Federn - ausgesuchte Texte von Nichtwolkensteinern

    In diesem Ordner sollen besonders einprägsame Texte stehen, die nicht aus der Feder von Wolkensteinern stammen.

    Text 1: Roman Ritter: Neutronenbombe (ca. 1981)

    Keine Sorge

    Unseren Autos passiert nichts.

    Kein Kratzer im Lack, kein geplatzter Reifen.

    Nur der Fahrer

    Wird unter die Räder kommen.

    Keine Sorge

    Unseren Häusern passiert nichts.

    Kein zerborstener Ziegel, kein Fleck im Kalk.

    Nur die Bewohner

    Werden blind aus den Fenstern fallen.

    Keine Sorge

    Den Fabriken passiert nichts.

    Und auch nicht ihren Besitzern in Florida.

    Nur die Arbeiter

    Werden brüllend in den Starkstrom torkeln.

    Keine Sorge

    Der Haarspange deiner Frau passiert nichts.

    Auch das Katzenauge am Fingerring bleibt ganz. Nur deine Frau wird verenden Schreiend wie eine zerquetschte Katze.

    Keine Sorge

    Dem Spielzeuggewehr deines Kindes passiert nichts. Auch seinem Teddybär fallen die Haare nicht aus. Nur dein Kind wird sich am Boden winden. Wie ein zertretener Wurm.

    Keine Sorge

    Den Generälen und ihrem Präsidenten passiert nichts. Auch nicht dem Waffenfabrikant.

    Es sei denn:

    Wir schaffen sie ab.



    Kommentar
    : Der Text besticht durch seine Schlichtheit und Geradlinigkeit. Bei mir löst er zudem Erinnerungen aus. Die Erfindung "Neutronenbombe" politisierte mich seinerzeit und ließ mich glauben, daß der Sozialismus eine gute Sache sei. Neutronenbombe verbinde ich mit Neutronen-Ronny, dem amerikanischen Präsidenten Reagan. Es ist eine besonders perfide Erfindung. Ich unterstellte damals, die Russen hätten so etwas nicht erfinden wollen. Heute glaube ich das nicht mehr. Erstaunlich genug jedoch ist, daß heute zwar immer noch von einer atomaren Bedrohung die Rede ist, nicht jedoch von einer durch Neutronenbomben.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Fremde Federn - ausgesuchte Texte von Nichtwolkensteinern

    Nun, ich bin nicht so begeistert von diesem Text. Störend empfand ich den "Teddybär" und den "Waffenfabrikant". Müsste Teddybären und Waffenfabrikanten heißen. Diese Fehler verzeihe ich, weil ich kein Grammatiknazi bin.
    Der Text ist menschentümelnd. Der Autor hätte wenigstens darauf hinweisen können, dass auch die Hauskatze so jämmerlich enden wird wie eine zerquetschte Katze.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Fremde Federn - ausgesuchte Texte von Nichtwolkensteinern

    Das ist in Süddeutschland usus, dem Dativ kein -en zu verpassen. Die unterscheiden dort auch selten zwischen haben und sein. Können das nicht denken. "Menschentümelnd" wird hiermit zum Unwort erklärt.
    Mich erinnerte der Text an die 1980er Jahre. Das war für mich keine schlechte Zeit, bei allem Krawallduktus und aller Verlorenheit, die diese Zeit kennzeichneten. Das war die Zeit, in der es Wehrunterricht gab. Der Dativ spielte keine Rolle, vielmehr der schnelle Sprung hinter die umzuwerfende Tischplatte im Unterrichtsraum. Als dann die Neutronenbombe kam, war der Unterricht zur Farce geworden - vorher war er es nicht! Denn die Neutronenstrahlen wirkten eh tötlich. Ich gebe dem Text keine Eins, aber die Erinnerung an diese Zeit ist für mich greifbar. Wenn ein text das leistet, ist er gut.

    Ich wühle gerade in alten Poesiebänden. Demnächst weitere fremde Federn aus dieser Zeit.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Novalis

    Daß ich mit namenloser Freude
    Gefährte deines Lebens bin
    Und mich mit tiefgerührtem Sinn
    Am Wunder deiner Bildung weide -
    Daß wir aufs innigste vermählt
    Und ich der Deine, du die Meine,
    Daß ich vor allem nur die Eine
    Und diese Eine nur gewählt,
    Das danken wir dem süßen Wesen,
    das sich uns liebevoll erlesen. (Novalis anläßlich seiner Hochzeit mit Julie von Charpentier)


    Sehr sehr gut. Aber der Mann läßt sich ja jedes Türchen offen. Platon dreht sich im Grabe. Nichts da mit der EINEN. Es gibt sie, aber sie erscheint uns in verschiedenen Formen. Anders gesagt: Treue ist was für Oberflächliche. Die waahre Treue ergibt sich dann, wenn ich die Eine vermute. Sie zeigt sich in verschiedenerlei Gestaltung. Ein Freibrief. Aber die Liebe ist nicht weniger ernsthaft. Ich liebe zwar verschiedene Körper, aber im grunde ist es immer der eine.

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